Gebäude als CO₂-Speicher: Was der EU-Rahmen CRCF für Bau und Landwirtschaft bedeutet
Fachbeitrag · CRCF
Gebäude als CO₂-Speicher: Holz, Stroh, Hanf, Miscanthus, Rohrkolben aus Paludikultur und Pflanzenkohle binden Kohlenstoff, der auf Feldern, in Wäldern und Mooren gewachsen ist. Mit der dritten Säule des EU-Rahmens CRCF – der Kohlenstoffspeicherung in langlebigen Produkten – soll diese Speicherleistung erstmals zertifizierbar werden. Wir fassen zusammen, was im Herbst 2026 feststeht, was noch offen ist und was das für Landwirtschaft und Bau bedeutet.
Drei Säulen, ein Rahmen
| Säule | Was zählt | Stand Oktober 2026 |
|---|---|---|
| Dauerhafte Entnahmen | DACCS, BioCCS, Pflanzenkohle | Delegierte Verordnung (EU) 2026/285, in Kraft seit 7. Mai 2026 |
| Carbon Farming | Humusaufbau, Moor-Wiedervernässung, Agroforst, Emissionsminderung im Boden | Delegierter Rechtsakt C(2026) 4666 im Verfahren |
| Speicherung in Produkten | Biobasierte Baustoffe in langlebigen Gebäuden | Methodik von der Kommission für das 4. Quartal 2026 angekündigt |
Ein EU-weites Register für zertifizierte Einheiten ist bis 2028 vorgesehen. Bis dahin führen die anerkannten Zertifizierungssysteme eigene, untereinander kompatible Register.
Praxistest in Deutschland
Die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) und die WoodenValley gGmbH (Stuttgart) testen den CRCF seit Oktober 2026 in einer Praxisstudie an realen Gebäuden und Infrastruktur: Wie gut sind die Daten verfügbar, wie hoch ist der Aufwand, wie marktreif sind Speicherzertifikate? Die Ergebnisse sollen in die Methodendiskussion in Brüssel einfließen. Parallel hat die DGNB im September 2026 eine „Allianz für CO₂-Entnahmen im Bau“ gegründet. Die tgo AG hat die Informationsveranstaltung als Beobachter verfolgt und die Inhalte für die Smart-Carbon-Farming-Partner aufbereitet.
Die Methodik CarbonLÄND v1.0
Grundlage der Studie ist die Methodik CarbonLÄND (v1.0, Mai 2026), entwickelt im Forschungsprojekt TÝR der Holzbau-Offensive Baden-Württemberg mit der Hochschule Esslingen und Timber Finance. Sie übersetzt die CRCF-Anforderungen in einen praxistauglichen Ablauf.
Temporärer Netto-Entnahmenutzen (TNCRB) = CRBaseline − CRProjekt − THGverbunden
- CRBaseline: Kohlenstoffspeicher im Referenzfall des Gebäudetyps – standardisiert aus einem Gebäudekataster mit rund 57 Millionen Datensätzen
- CRProjekt: Kohlenstoffspeicher des biobasierten Projekts
- THGverbunden: Emissionen der Lebenszyklusmodule A1–A5 (Rohstoff bis Einbau)
- TNCRB muss größer als null sein. 1 t CO₂e = 1 Einheit; 15 % werden als Risikopuffer einbehalten.
- Systemgrenze: das Gebäude. Anrechenbar sind biobasierte Materialien in Tragwerk und Dämmung; weitere biobasierte Materialien werden in der Studie zusätzlich ausgewiesen.
- Nur Neubau ist nach heutigem Stand zertifizierbar. Sanierungen und Aufstockungen werden informativ bewertet.
- Rote Linie: Holz muss aus zertifiziert nachhaltiger Forstwirtschaft stammen.
- Dauer: Bezugszeitraum 50 Jahre, Monitoring alle fünf Jahre. Wird das Gebäude vorher abgerissen oder das Tragwerk verändert, verfallen die Einheiten – dagegen sichert der Puffer ab.
- Daten: ÖKOBAUDAT und herstellerspezifische EPDs; eine Ökobilanz ist nicht zwingend, eine Massenermittlung genügt.
- Zeitplan: Eine Zertifizierung fertiggestellter Objekte wird nach Angaben der Projektbeteiligten ab Ende 2027 erwartet.
Was das für Landwirtschaft und Moore bedeutet
Jede Tonne, die in einem Gebäude gespeichert wird, beginnt als Biomasse. Damit entsteht eine neue Nachfrage nach Materialien, die Landwirte und Moorbewirtschafter liefern können: Bauholz, Stroh, Hanf, Miscanthus, Schilf und Rohrkolben aus Paludikultur – und Pflanzenkohle als Zuschlagstoff. Für Paludikultur ist das besonders interessant, weil sie mehrere CRCF-Säulen verbinden kann: Wiedervernässung (Carbon Farming), Baustoffe (Speicherung in Produkten) und Pflanzenkohle (dauerhafte Entnahme). Wichtig bleibt: Dieselbe Tonne darf nur einmal gezählt werden.
Pflanzenkohle im Baustoff: messen statt schätzen
Wird Pflanzenkohle in Beton, Putz oder Verbundwerkstoffe eingebunden, lässt sich ihr Anteil über das H/C-Verhältnis nicht mehr sauber bestimmen. Die Random-Reflectance-Mikroskopie misst dagegen nur die verkohlten Partikel und ist damit die einzige Methode, die die Kohle im Verbund getrennt beurteilen kann. Mehr dazu in unserem Beitrag „Wie dauerhaft ist Pflanzenkohle?“.
Unsere Einschätzung
- Die Richtung ist klar, die Details sind offen: Wer heute Produkt- und Mengendaten sauber dokumentiert (EPD, DoPC, Bill of Quantities), ist startklar, sobald die Methodik final ist.
- Die von Marktteilnehmern genannten Preiserwartungen für Gebäude-Einheiten (rund 105–300 € je Einheit) sind Prognosen; wir rechnen in Bilanzen mit dem unteren Rand.
- Für landwirtschaftliche Rohstoffe entsteht ein zusätzlicher Absatzweg – vorausgesetzt, Herkunft und Nachhaltigkeit sind lückenlos belegt.
Sie planen ein Projekt mit biobasierten Baustoffen? Auf unserer Seite Baustoffe als CO₂-Speicher zeigen wir, wie wir vorgehen.
Quellen
- DGNB e.V. und WoodenValley gGmbH: Digitale Informationsveranstaltung „CRCF-Studie“, 16. September 2026.
- CarbonLÄND v1.0 (4. Mai 2026): Methodology for certification of bio-based carbon storage in buildings under the EU CRCF regulation. Holzbau-Offensive Baden-Württemberg.
- Verordnung (EU) 2024/3012 (CRCF) – EUR-Lex; Delegierte Verordnung (EU) 2026/285.
Über den Autor: Bernhard Aumann ist Vorstand der tgo AG und Partner im Interreg-Projekt Smart Carbon Farming. Die tgo AG ist an der genannten Studie und Allianz nicht beteiligt und gibt hier ihre fachliche Einordnung wieder. Kontakt: info@tgo.ag
