
Pyrolyse & Pflanzenkohle
Pflanzenkohle als CO₂-Senke: dauerhafte CO₂-Entnahme mit Zertifikat
Wir begleiten Pyrolyse-Projekte von der Biomasse bis zum zertifizierten Entnahme-Zertifikat – mit gemessener Permanenz, konservativer Bilanz und nach dem EU-Rahmen CRCF.
Warum Permanenz zählt
Kurzlebige Gutschriften gleichen langlebiges CO₂ nicht aus
Ein großer Teil der heute gehandelten Zertifikate beruht auf Vermeidung oder auf Speichern, die nur Jahrzehnte halten. Fossiles CO₂ wirkt dagegen zu einem erheblichen Teil über Jahrhunderte bis Jahrtausende in der Atmosphäre nach. Wer Restemissionen glaubwürdig neutralisieren will, braucht Entnahmen, deren Dauerhaftigkeit gemessen und nicht nur behauptet wird.
Pflanzenkohle ist dafür heute das am weitesten entwickelte Verfahren: Laut CDR.fyi entfallen 86 % der seit 2022 tatsächlich gelieferten dauerhaften CO₂-Entnahmen auf Pflanzenkohle.
Der Weg zur Senke
Von der Biomasse zur stabilen Kohlenstoffsenke
1 · Biomasse
Reststoffe und Holz aus Kurzumtrieb, Agroforst und Landschaftspflege – nachhaltig und nachvollziehbar beschafft.
2 · Pyrolyse
Verkohlung ohne Sauerstoff. Unser Zielwert für Pilotanlagen: mindestens 600 °C – ab hier liegt die Kohle sicher im stabilen Bereich.
3 · Qualität
Zielwerte je Charge: H/Corg < 0,4 und O/Corg < 0,2. Dann sind sich alle Permanenz-Modelle einig.
4 · Einbringung
Ausbringung in Böden oder Einbindung in Baustoffe – dokumentiert, damit die Senke prüfbar bleibt.
Wissenschaft
Wie dauerhaft ist Pflanzenkohle? Drei Messmethoden im Vergleich
Permanenz ist der Zeitraum, über den der Kohlenstoff gespeichert bleibt. Registries arbeiten mit festen Zeiträumen von 100, 200 und 1.000 Jahren. Drei Ansätze sind heute im Gespräch:
| H/C-Verhältnis + Inkubation | Random Reflectance (Rₒ) / Inertinit-Benchmark | Unified Model (Sanei et al. 2026) | |
|---|---|---|---|
| Grundlage | Abbauversuche im Boden über 1–9 Jahre, hochgerechnet (Woolf et al. 2021; Azzi et al. 2024) | Vergleich mit natürlichem Inertinit im Gestein; Messung von ~500 Einzelpartikeln unter dem Mikroskop | Beschleunigte Oxidation im Labor, an Bodenversuchen geeicht |
| Typischer Zeitraum | 100 / 200 Jahre | 1.000 Jahre und mehr | 100 bis 10.000 Jahre |
| Im EU-CRCF | Ja (200-Jahre-Abbaufunktion) | Ja (Rₒ-Methode, ~1.000 Jahre) | Nein (sehr neu) |
| Stärke | Günstig, schnell, standardisiert | Erkennt schlecht verkohlte Anteile und Beimischungen | Erklärt große Unterschiede bei H/C 0,5–0,7 |
| Grenze | Große Streuung; bei H/C < 0,5 kaum Trennschärfe | Aufwendiger, geschultes Personal nötig | Wenige Eichpunkte, noch nicht unabhängig bestätigt |
Beton, Erdnussbutter und Marmelade
Ein anschauliches Bild von Prof. Hamed Sanei (Universität Aarhus): Ein Pflanzenkohle-Korn besteht aus Beton (dem sehr stabilen, inertinit-artigen Anteil), etwas Erdnussbutter (schlecht verkohlte Partikel) und einem dünnen Belag Marmelade (reaktiver Kohlenstoff an der Oberfläche). Zwei Kohlen mit gleichem H/C-Wert können sehr unterschiedlich viel „Beton“ enthalten – das H/C-Verhältnis zeigt nur den Mittelwert, die Random Reflectance zeigt die Verteilung.
Was die Geologie sagt
Oberhalb einer Reflexion von Rₒ = 2 % verhält sich Pflanzenkohle wie natürliches Inertinit, das seit Jahrmillionen in Sedimentgesteinen erhalten ist. In der Studie von Sanei et al. (2024) lagen 76 % der untersuchten kommerziellen Pflanzenkohlen über dieser Schwelle. Ein Laborkinetik-Modell unter stark oxidierenden Bedingungen bei 30 °C ergibt für typische Inertinit-Pflanzenkohle eine Halbwertszeit in der Größenordnung von 100 Millionen Jahren. Das ist ein Modellwert – für Zertifikate rechnen wir bewusst mit den deutlich kürzeren Zeiträumen der Standards.
Praxisregel: Unter etwa 550 °C bleibt Pflanzenkohle am Rand der 2-%-Schwelle, ab etwa 600 °C liegt sie sicher darüber. In einem italienischen Weinberg wurde Pflanzenkohle nach 15 Jahren im Boden direkt per Rₒ wiedergefunden und untersucht (Chiaramonti et al. 2024).
Mehr Tiefe: Unser Fachbeitrag „Wie dauerhaft ist Pflanzenkohle? H/C, Random Reflectance und der EU-Rahmen CRCF“ erklärt Formeln, Grenzwerte und Rechenbeispiele im Detail.
Unsere Bilanzregel
Wir rechnen mit dem niedrigsten Wert
Je nach Modell ergeben sich für dieselbe Kohle unterschiedliche Anteile, die nach 100 Jahren noch gespeichert sind. Unterhalb von H/C 0,5 liegen die Modelle nah beieinander, darüber gehen sie weit auseinander. Deshalb nehmen wir in jeder Bilanz den niedrigsten Wert als Sicherheitsmarge.
| H/Corg | Woolf (linear) | Azzi (Potenz) | Sanei (Unified) | Bilanzwert (Minimum) |
|---|---|---|---|---|
| 0,3 | 85 % | 94 % | ~95 % | 85 % |
| 0,4 | 79 % | 94 % | ~90 % | 79 % |
| 0,5 | 73 % | 93 % | ~81 % | 73 % |
| 0,6 | 66 % | 92 % | ~39 % | 39 % |
| 0,7 | 60 % | 91 % | ~10 % | 10 % |
Rechenbeispiel: 1 Tonne Pflanzenkohle
- 1 t Pflanzenkohle (Trockenmasse) mit 70 % organischem Kohlenstoff = 0,70 t C
- 0,70 t C × 44/12 = 2,57 t CO₂ maximal speicherbar
- Bei H/C 0,4 und unserer Bilanzregel (79 %): rund 2,0 t CO₂ für 100 Jahre
- Bei H/C 0,6 (z. B. zu niedrige Temperatur): nur rund 1,0 t CO₂ – hier hilft eine bessere Prozessführung mehr als jede Messung
Deshalb legen wir Anlagen auf hohe Temperaturen und niedrige H/C-Werte aus und messen dreistufig: H/C je Charge, laufende Ersatzmessung vor Ort, Random Reflectance als Stichprobe.
Rahmen & Standards · Stand Oktober 2026
Regulatorisch eingeordnet
EU-CRCF
Rahmenverordnung (EU) 2024/3012, in Kraft seit 26.12.2024. Die Methodik für Pflanzenkohle steht in der Delegierten Verordnung (EU) 2026/285, in Kraft seit 7. Mai 2026 – mit zwei Wegen: einer 200-Jahre-Abbaufunktion (H/C und Bodentemperatur) und der Random-Reflectance-Methode (~1.000 Jahre). Zertifizierungssysteme durchlaufen derzeit das Anerkennungsverfahren der EU-Kommission.
Freiwilliger Markt
Puro.earth stellt für Pflanzenkohle CORC100+ (Edition 2022) und CORC200+ (Edition 2025) aus, ist seit Dezember 2025 als CCP-berechtigtes Programm beim ICVCM bestätigt und hat im Juni 2026 die CRCF-Anerkennung beantragt. Das ICVCM hat im August 2025 drei Pflanzenkohle-Methodiken als „CCP-approved“ eingestuft (u. a. Isometric und Verra VM0044).
EBC – Qualität
Das European Biochar Certificate definiert Qualitätsanforderungen, u. a. H/Corg < 0,7. Wichtig: Diese Grenze beschreibt Produktqualität, nicht Permanenz – genau im Bereich 0,5–0,7 gehen die Modelle am weitesten auseinander.
SBTi & ESRS
Dauerhafte Entnahmen dienen nach SBTi zur Neutralisierung verbleibender Restemissionen – sie ersetzen keine Reduktion. Nach ESRS E1 werden Entnahmen und gekaufte Zertifikate getrennt von den eigenen Emissionen berichtet.
Für wen
Wem Pyrolyse-Projekte nützen
Unternehmen
Restemissionen mit gemessenen, dauerhaften Entnahmen neutralisieren – nachdem die Reduktion ausgeschöpft ist. Transparent für CSRD-Bericht und Stakeholder.
Landwirte
Neue Einnahmen aus Reststoffen und Agroforst, bessere Wasserspeicherung im Boden und ein Produkt mit doppeltem Nutzen.
Kommunen
Grüngut und Landschaftspflegeholz regional verwerten, Wärme nutzen, Wertschöpfung vor Ort halten.
Investoren
Erlöse aus Kohle, Zertifikaten und Wärme. Die Wirtschaftlichkeit hängt stark vom Standort ab – wir rechnen Ihren Fall mit konservativen Annahmen durch.
Kostenloser Leitfaden
Pyrolyse & CO₂-Entnahme kompakt
Wissenschaftliche Grundlagen, Wirtschaftlichkeit und Regulatorik auf 15 Seiten. Nach dem Absenden erscheint der Download-Link direkt hier.
Fragen? info@tgo.ag · +49 4474 949550
Quellen
- Sanei, H. et al. (2024): Assessing biochar’s permanence: An inertinite benchmark. International Journal of Coal Geology. pub.geus.dk
- Sanei, H. et al. (2026): A unified framework for biochar carbon permanence. International Journal of Coal Geology 324, 105075.
- Woolf, D. et al. (2021), Environmental Science & Technology; Azzi, E. S. et al. (2024), Geoderma – H/C-basierte Permanenzmodelle.
- Chiaramonti, D. et al. (2024): 15 Jahre alte Pflanzenkohle in einem Weinberg (Italien).
- Delegierte Verordnung (EU) 2026/285 und Verordnung (EU) 2024/3012 – EUR-Lex
- CDR.fyi (2025): Biochar Carbon Removal Market Snapshot
- ICVCM (2025): Biochar-Methodiken CCP-approved; Puro.earth: Biochar permanence
Fachlicher Stand: Oktober 2026. Ausgewertet von Bernhard Aumann, tgo AG, im Rahmen des Interreg-Projekts Smart Carbon Farming.
FAQ
Häufige Fragen zu Pflanzenkohle und CO₂-Zertifikaten
Bei 70 % organischem Kohlenstoff sind maximal rund 2,57 t CO₂ gespeichert. Mit unserer konservativen Bilanzregel (H/C 0,4, niedrigster Modellwert) rechnen wir mit rund 2,0 t CO₂ über 100 Jahre.
Ja. Die Methodik für Pflanzenkohle steht in der Delegierten Verordnung (EU) 2026/285 zum CRCF, in Kraft seit 7. Mai 2026. Zertifizierungssysteme wie Puro.earth durchlaufen derzeit das Anerkennungsverfahren der EU-Kommission.
Das European Biochar Certificate (EBC) beschreibt die Produktqualität, u. a. H/Corg < 0,7. Der CRCF regelt, wie dauerhafte CO₂-Entnahmen gemessen und zertifiziert werden – mit eigenen Anforderungen an die Permanenz.
Für sichere Permanenz empfehlen wir mindestens 600 °C. Unter etwa 550 °C bleibt die Kohle am Rand der Inertinit-Schwelle (Rₒ 2 %), die Permanenzmodelle gehen dann weit auseinander.
Die Preise hängen von Registry, Permanenzklasse und Menge ab. Für Bilanzen rechnen wir bewusst mit vorsichtigen Annahmen und prüfen jeden Fall einzeln.

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